zurück “Die sexualisierte Gesellschaft”
Was ist los in unserem deutschen Lande? Während ich vor einer Ampel auf grünes Licht warte, lächelt mich ein hübsches, halbnacktes Model von H&M vom gut plazierten Werbeständer an. Als ich losfahre, warten auf den großen Plakatwänden am Straßenrand die nächsten Dessouswerbungen von ESPRIT und Passionara. Fleischbeschauung oder erotische Werbekunst!? Ich komme nach Hause und schalte den Fernsehen an. Früher Nachmittag, beste Talk-Show-Zeit. Sabrina: “Meine Nacktfotos haben mich bekannt gemacht!” Aha, ich schalte um zu Ilona, wo es um das Thema “Er ist weg und ich bin schwanger!” geht. Ich zappe weiter und lande bei Nicole. Dort gibt es brühwarm die neusten Geständnisse: “Liebe Eltern, ich lasse mich geschlechtlich umwandeln!” Irritiert drücke ich den Knopf der Fernbedienung, lande bei Andreas und einer ganzen “Horde” junger Mädchen, die alle behaupten: “Ich habe den schönsten Busen Deutschlands!” Es reicht, ich schalte ab, lehne mich zurück und denke: “Geht es nur noch um das eine?!”

Interessiert das Jugendliche heute? Wollen sie eine sexualisierte Gesellschaft oder will die Werbung mit ihren Marketingexperten Jugendliche in eine gewisse Rolle drängen? Was halten Jugendliche überhaupt von Sex? Kann man das so allgemein überhaupt sagen? Sicher nicht, aber es lassen sich gewisse Trends und Richtungen festgestellen, die es in Deutschland zur Zeit gibt.

Dabei sind zwei konträr verlaufende, sich scheinbar widersprechende Beobachtungen festzuhalten. Zum einen wird ein gewisses Lustprinzip sichtbar. Ich lebe und liebe, wen und wann ich grade will. Zum anderen sehnen sich immer mehr Jugendliche nach Geborgenheit, Treue und Liebe. Wie passt das zusammen?

“Sex sells”

Von Seiten der Unterhaltungsinsdustrie und der Werbung wird ein ungeheurerer Druck aufgebaut. Es wird den Jugendlichen versucht zu vermitteln, dass alles zu jeder Zeit möglich sei. Dabei spielt Sexualität eine große Rolle. Besonders das Publikum von 16-35 Jahre soll durch stimulierende Bilder zum Kauf der angepriesenen Produkte bewegt werden. Hat man sich vor zehn Jahren noch über einen Brustansatz in der Werbung aufgeregt und vom Verfall der Sitten und Normen geredet, ist der blanke Busen heute fast normal. Nicht nur Duschmittel, Dessous oder Parfüms versuchen so zu werben, auch Möbelfirmen, Lebensmittel oder Telefone scheinen sich mit spärlich bekleideten Männern und Frauen besser zu verkaufen. Titelbilder von Zeitschriften zeigen zur Animation der Käufer gerne nacktes Fleisch und das nicht nur Zeitschriften wie “Fit for fun” oder “Amica”, sondern auch konservativere Blätter wie “Focus”. “Sex sells” und wir gewöhnen uns daran und lassen uns immer mehr einwickeln. Es ist nichts mehr besonderes, einen halbnackten Menschen zu sehen.

“Wie tolerant sind wir wirklich?”

Ähnliches gilt für die Fernsehunterhaltung, speziell für die Talk-Shows. Hier wird eine gewisse Toleranz vorgespielt, die das voyeuristische Publikum gierig beklatscht. Themen wie “Sadomaso”, “Aktbilder”, “Schwanger, nur von wem?”, “Transsexualität” etc. werden aufgenommen und es entsteht der Eindruck, dass es sich um eine breite, anerkannte Meinung handle. Nur weil 50 -durch Animateure angeheizte- Zuschauer jede Äußerung der Talkgäste frenetisch beklatschen. Natürlich gibt es genug FernsehzuschauerInnen, die kritisch sind und doch haften die Themen im Unterbewussten. Die “Talk-Show-Toleranz” ist allerdings oft schnell vorbei, wenn es um einen persönlichen Kontakt geht. Wer hat denn einen Transsexuellen zum Freund oder kümmert sich um die schwangere Frau von nebenan. Plötzlich distanziert man sich wieder und holt alte Klischees hervor. Es bleibt ein bitterer Beigeschmack.

“Bravo, Girl & Co”

Eine noch größere Beeinflussung gibt es vor allem durch die “Teenagerzeitschriften” wie Bravo, Girl, Hit und wie sie alle heißen. Dort wird den Teenagern oftmals suggeriert, dass Sexualität nicht nur was Normales ist (was ja auch stimmt), sondern dass jeder seine Sexualität ausleben soll. Aufklärungsserien wie “Das erste Mal war wie ein Rausch” oder “Mein erstes Mal war in der Kirche” sind polemisch und stellen Teenies, die noch warten wollen, stillschweigend als unnormal dar. Dazu gibt es dann vom Dr. Sommer-Team auf Leserbriefe fast immer ähnliche Antworten, wie: “Jeder muss seinen eigenen Weg mit der Sexualität finden und auf seine innere Stimme hören.” “Niemand soll sich durch religiöse Einschränkungen fernsteuern lassen.” oder “Die Kirchen haben keine Kompetenz auf dem Gebiet der Sexualität, im Gegensatz zu Bravo.” Teenager und Jugendliche, die mit Sex warten wollen, werden als konservativ oder gar fundamentalistisch beschrieben. Diese Einstellung geht an den Jugendlichen nicht spurlos vorbei und sie fühlen sich in eine Ecke gedrängt.

Die Wirklichkeit sieht oftmals anders aus. So hat zum Beispiel eine unabhängige Jugendstudie von Leske + Budrich ergeben, dass 67,3% der Teenager bis 15 Jahre noch keinen Sex hatten.

Hier muß allerdings auch gesagt werden, dass Bravo und Co immer noch die größte Aufklärungsarbeit unter Teenagern leisten und dass Teen- und Jugendkreise sich viel zu wenig diesen brisanten Themen stellen und offen mit den Jugendlichen über solche Themen reden.

“Die Suche nach Halt und Geborgenheit”

Viele Jugendlichen sind zunehmend im Bezug auf ihre Sexualität verunsichert. Es gibt sicher eine Gruppe von Jugendlichen, die ihre Sexualität ausleben und gerne sich und ihren Körper zur Schau stellen, Partner häufig wechseln und sich ihren Sex dann holen, wenn sie es wollen. Diese Gruppe von Jugendlichen wird gerne von Fernsehshows und Zeitschriften aufgenommen, um zu zeigen, wie die Jugendlichen heutzutage sind. (Wo es die Jugendlichen ohnehin nicht gibt.) Bei den meisten “Normalos” sieht dies aber ganz anders aus. In einer immer technisierteren Welt wächst das Verlangen nach Geborgenheit, Wärme und Zärtlichkeit. Alles wird immer unsicherer und man sucht nach einem Raum, der verlässlich ist. Eine Freundschaft oder Ehe, in der Treue und Liebe gewisse Stabilität geben. Geborgenheit, die man in der Schule oder am Ausbildungsplatz oftmals vermisst. So ist es nicht verwunderlich, dass 92% aller Jugendlichen zwischen 14 und 29 Jahren sich am liebsten mit ihren Freunden treffen und 42% zu festen Cliquen gehören. Viele Jugendliche wollen nicht mehr aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, sondern bilden ihre eigene Szene, in der sie sich frei bewegen können. Auf der einen Seite streben Jugendliche nach Unabhängigkeit und Freiheit, auf der anderen Seite suchen sie im komplexen Alltag Halt und Orientierung. Letzteres zeigt sich vor allem in den wiedergewonnenen Werten wie Liebe, Treue, Familie oder Freundschaft.

“Zärtlichkeit und Sexualität”

Diese Trendwende unter Jugendlichen setzt sich auch auf dem Gebiet der Sexualität durch. Wurde in den 80er Jahren noch viel vom “One-night-stand”, “schnell wechselnden Beziehungen” oder “Seitensprüngen” gesprochen und geschrieben, so wird Ende der 90er Jahre eine klare Kehrwende deutlich. Diese sexuellen Attribute verschieben sich auf extreme Gruppen wie Fetischisten oder Sadomasochisten. Die breite Masse an Jugendlichen erlebt einen deutlichen Remoralisierungstrend. So stellt der Trendforscher Matthias Horx fest, dass junge Menschen sich wieder binden wollen, Treue für erstrebenswert halten. Romantik, Zärtlichkeit und Kuscheln erhalten einen höheren Stellenwert als der reine Sexualakt. Ein Blick in die aktuelle Zeitschriftenwelt bestätigt diese These: Heiraten steht wieder hoch im Kurs (Joy), die Nachteile von Geliebten werden aufgelistet, Zärtlichkeiten werden angepriesen (MarieClaire) und Treue steht vor Thrill und Abenteuer (Elle) .

“Was bleibt?”

Es ist keine Frage, dass wir in einer durch und durch sexualisierten Gesellschaft leben. Sexualität in den verschiedensten Formen begegnet dem deutschen Jugendlichen täglich mehrere Male, ohne dass er sich dem entziehen kann. Daran läßt sich auch nichts ändern. Aber Jugendliche sehen Sexualität viel differenzierter als uns dies von den Medien dargestellt wird. Unter vielen Jugendlichen herrscht eine Verunsicherung, auf der einen Seite möchte man sich nichts vorschreiben lassen und sucht seine eigene Freiheit, auf der anderen Seite möchte man seine Sexualität nicht “verschleudern” und sucht eine langfristige Beziehung. Gerade in unserer so toleranten und pluralistischen Gesellschaft gilt es die Jugendlichen hierbei zu unterstützen und ihnen zu helfen, mit ihrer Sexualität in guter Weise umzugehen. Dabei sollte man sich von gängigen Klischees nicht beeinflussen oder gar abschrecken lassen.